Die Bedeutung des Patientenschutzes steigt mit dem Spardruck

Susanne Hochuli, ehemalige Aargauer Gesundheitsdirektorin und seit Anfangs 2018 Präsidentin der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz SPO.


Die Patienten sollten im Gesundheitswesen die Rolle der vierten Kraft übernehmen, meinten Sie kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Aktuell leiden jedoch viele Patienten eher unter Orientierungsschwierigkeiten im Gesundheitswesen. Was muss sich auf der gesellschaftlichen Ebene ändern?

Wir brauchen im Gesundheitsbereich eine Instanz, welche die Interessen der Prämienzahlenden, der Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen vertritt. Bisher sind wir vor allem durch diejenigen im Gesundheitssystem vertreten, die daran verdienen: Kassen, Gesundheitsfachpersonen, Spitäler, Pflegeheime, Spitex, Reha, Pharma, aber auch die Kantone – und sie alle sind mächtig organisiert. Wir brauchen eine Organisation, die systemrelevant ist, analog den Organisationen im Umweltbereich. Die drei grossen Organisationen WWF Schweiz (270'000 Mitglieder), Pro Natura und Greenpeace Schweiz (je über 140'000 Mitglieder) vertreten die Interessen ihrer Mitglieder wirksam und sind, da referendums- wie auch initiativfähig sind, eine ernstzunehmende und nicht wegzudenkende Macht in der Umweltpolitik.


Welchen Beitrag kann ich als einzelne Person, als Bürgerin, Prämienzahlerin und potentielle Patientin leisten, damit ich im Gesundheitswesen die für mich angepassten Leistungen erhalte und gleichzeitig das System nicht zu sehr strapaziere?

Um als Patientin angemessen entscheiden zu können, brauche ich Informationen zur Indikations-, Prozess- und Ergebnisqualität, aber auch zur Nutzenbewertung durch die Patienten selbst. Diese Informationen sollten leicht verständlich und zugänglich sein. Ein Unterfangen, das bei der aktuellen Datenlage in der Schweiz nicht ganz einfach ist! Als einzelne Person kann ich dazu beitragen, dass eine parteipolitisch und finanziell unabhängige Organisation, wie die Schweizerischen Stiftung Patientenschutz SPO, meine Interessen wahrnehmbar und systemrelevant vertreten kann. Dazu muss ich diese Organisation ideell und finanziell unterstützen.  Auch sollten wir darauf pochen, dass uns verständliche Rechnungsdaten vorgelegt werden, damit wir überprüfen können, ob Kosten und Leistung deckungsgleich sind.


Mit dem zunehmenden Kostendruck steigt die Gefahr, dass Patienten gewisse teure Leistungen vorenthalten oder aber, dass unnötige Leistungen verkauft werden, da Spitäler, Heime und weitere Organisationen vorgegebene Renditen erwirtschaften müssen. Was ist zu tun?

Transparenz ist der Schlüssel im Gesundheitssystem, damit wir als Einzelpersonen Verantwortung übernehmen können, aber auch auf Unrechtmässigkeiten aufmerksam machen können. Im Bewusstsein, dass nicht alles Machbare auch für ein Individuum wünschbar ist, sind öffentlich geführte Debatten hinsichtlich einem Wertesystem im Gesundheitswesen von grosser Bedeutung. Ein Beispiel dafür sind Patientenverfügungen: Diese können in der Praxis nicht so konsequent umgesetzt werden, wie es wünschenswert wäre. Die Schweizerischen Stiftung Patientenschutz SPO setzt sich daher mit «Advance Care Planning» (ACP), sozusagen einer ‘Patientenverfügung plus’, für eine entsprechende Weiterentwicklung ein.


Frau Hochuli, was ist Ihr persönlicher Tipp an Leistungserbringer, welche die Rechte der Patientinnen und Patienten kompetent und umfassend wahrnehmen wollen? 

Die Leistungserbringer sollten daran denken, dass ihr Lohn durch uns als Prämien- und Steuerzahlende finanziert werden. Schon deswegen müsste genügend Respekt da sein, den Patienten als Experten der eigenen Krankheitsgeschichte wahrzunehmen, ihn umfassend und abgestimmt auf seine Präferenzen zu informieren sowie Entscheid mit ihm zusammen zu erarbeiten.


Susanne Hochuli, Präsidentin Schweizerische Stiftung Patientenschutz SPO, ehemalige Gesundheitsdirektorin Kanton Aargau (2009 bis 2016), ehemalige Vizepräsidentin Beschlussorgan HSM (Hochspezialisierte Medizin) und ehemaliges Mitglied des GDK-Vorstandes. Kolumnistin, Stiftungsratspräsidentin Greenpeace CH, Gründerin eines öko-sozialen Startup-Unternehmen.



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